Über mich

Wer ich bin? 48 Jahre. Weiblich. Drei Wunschkinder. Auf dem Weg zwischen Trennung und Neubeginn. In ein Leben voller Ungewissheit. Zuversicht, Angst, Freude, Zweifel, Mut, Vertrauen, Hoffnung … alles ist dabei. Täglich.

Wer ich bin? Eine Kindheit zu siebt. Ich bin Nummer Sieben. Sechs Brüder, alle älter. Ich bin die Kleine, das Nesthäkchen. Wunschkind, Wunschmädchen. Und etwas verloren angesichts der männlichen Übermacht. Eine Mutter an meiner Seite, liebevoll und sehr in Anspruch genommen durch die große Familie. Ich bin die, die hilft. Ich bin die, die da ist, die zuhört, wenn es eng ist. Nicht nur bei der Mutter, auch bei den Brüdern.

Wer ich bin? Jahre später. 19 Jahre alt. Eine junge Frau mit grauen Leggings und einem orangefarbenen T-Shirt, die aus dem Badezimmerfenster sieht und das Polizeiauto wahrnimmt, das vor dem Haus hält. Graue Leggings, orangefarbenes T-Shirt und zum Mittagessen Hackbraten … Erinnerungen brennen sich ein. So banal sie auch sind. Ein Leben lang. Zwei Polizisten verkünden meinen Eltern sichtlich betroffen den Suizid ihres Sohnes. Bruder Nummer Fünf. Er wollte nicht mehr leben. Hat bewusst den Freitod gewählt. Der Tag, an dem ich einen geliebten Bruder verlor. Laut meinem damaligen Freund auch der Tag, an dem ich mich von meinem Lachen verabschiedet habe. Meinen Eltern war es nicht möglich, die Beerdigung zu organisieren. Sie waren in ihrem Schmerz. Ich war im Handeln, froh, etwas tun zu können. Weder denken, noch fühlen zu müssen.

Wer ich bin? 26 Jahre alt. Eine Berufsausbildung und diverse Wohnungswechsel weiter. Jahre sind vergangen. Die Familiengeschichte bleibt. Ein erneuter Suizid. Bruder Nummer Sechs. Er hat sich aus dem 11. Stock eines Hotels gestürzt. Voraus ging ein erfolgloser Anruf bei mir als seiner  Schwester, seinem offenen Ohr, seiner einzigen Anlaufstelle, wie er immer sagte. Die Anlaufstelle war nicht erreichbar. Sein Versprechen, diesen Weg als Ausweg nicht zu gehen, konnte und wollte er nicht halten. Er fehlt. Ich vermisse ihn und Bruder Nummer Fünf. Die Zeit heilt keine Wunden. Auch nicht nach 20 Jahren. Der Schmerz bleibt. Die Sehnsucht ist da. Eine Art Akzeptanz stellt sich ein. Und in meinem Herz ist Raum. Raum und Platz, für die beiden Menschen, die ich gerne bis ans Ende meines Lebens an meiner Seite gehabt hätte.

Wer ich bin? Ehefrau. Mutter. Hausfrau. 35 Jahre alt. Nach einer bewussten Entscheidung, meinem damaligen Beruf als Redakteurin den Rücken zuzukehren. Zeit für die Kinder. Zeit für die Familie. Mit den Jahren keimt der Wunsch nach privatem Umbruch und beruflicher Neuorientierung.

Wer ich heute bin? Auf dem Weg in mein Leben. Mein größter Schmerz in meinem Leben, der Verlust und die Trauer um meine Brüder wandelt sich für mich in eine Kraftquelle. In einen Schatz. Türen öffnen sich und die Begleitung von Menschen in Trauer wird Teil meines Lebens. Ich verstehe, was es heißt, durch den Schmerz zu gehen. Zu trauern. Um geliebte Menschen. Um verpasste Gelegenheiten und Chancen. Zuversicht, Angst, Freude, Zweifel, Mut, Vertrauen, Hoffnung begegnen mir immer wieder, sind Teil meines Seins. Dazu gekommen ist eine innere Kraft, die mir zeigt, dass ich mit mir und meiner Arbeit am Menschen genau am richtigen Platz bin.

Rahmendaten:

  • Jahrgang 1971
  • Heilpraktikerin für Psychotherapie (Gesundheitsamt, Karlsruhe)
  • Krisenbegleiterin
  • Trauerbegleiterin
  • Atemtherapeutin
  • Kunst- und Kreativtherapeutin
  • Systemische Familientherapeutin
  • 1. Vorsitzende Arbeitskreis Leben (AKL), Karlsruhe – Hilfe in Lebenskrisen und bei Selbsttötungsgefahr
  • Mitglied im VfP